Eisfrau von Ichstedt

Südöstlich vom Kyffhäuser liegt der freundliche Ort Ichstedt. Hinter dem uralten Schloss steigt der Schlossgarten die Höhe hinauf, in welchem ein mannshoher schmaler Gang Aufmerksamkeit erregt. Selbiger führt in den Berg und endigt in einem größeren Gemach, welches Eisloch genannt wird. Hier waltet, nur Sonntagskindern erkennbar, die Eisfrau. Silberfarbig ist ihr Haar, bleich das Gesicht, schneeweiß ihr langes Gewand. Sie selbst ist lautlos …nur das Klirren des Schlüsselbundes an ihrem Gürtel, kündigt ihr Nahen an. Um Mitternacht zeigt sie sich unweit des Eisloches und auch auf dem Wege nach dem Schlosse, welches sie jedoch selbst nicht betritt. In dunkeln Nächten zündet sie sich auf einem Baume ein Licht an. Begleiter der Eisfrau ist ein silbergrauer Hase, der sich oft im Schlossgarten gezeigt hat und sodann gejagt wurde, aber immer zu dem Eisloche entkommen ist, wo ihn seine Herrin schützt.

Die Eisfrau ist nicht nur ein nächtliches Gespenst, sondern hat auch am Tage Gewalt anzuziehen und abzuwehren. Noch vor kurzem wollte ein fauler Knecht am Eisloche vorüber gehen, lenkte aber unwillkürlich seine Schritte nach dem Eingange. Plötzlich hörte er die Eisfrau und versuchte in Todesangst zu fliehen. Eine unsichtbare Hand aber zog und schob ihn zurück, bis er in das Eisloch stürzte, so dass er sich im Fallen einen Arm brach. Feldarbeiter hatten seinen Gang nach dem Eingang bemerkt und kamen herbei; so ward er noch gerettet.

Aber die Eisfrau schreckt und straft nicht nur. Nordöstlich vom Eisloche befindet sich ein fortwährend mit Wasser gefüllter Erdfall, das Gründlingsloch, dessen Tiefe man auf 200 Fuß schätzt. Es nimmt bei starken Gewittergüssen eine ungeheure Menge Wassers auf, welches es bis zu einem gewissen Höhepunkte mit reissender Schnelligkeit durch unterirdische Kalkfelsenklüfte weiter führt und so Ichstedt bereits mehrmals vor Überschwemmungen geschützt hat. Es heißt, dass die Eisfrau aus dem Gründlingsloche Wasser schöpft. Es ist ihr Brunnen, den sie gegraben hat, um verderbliche Wasser abzuleiten. So ist die Eisfrau auch die wohltätige Beschützerin Ichstedts.